Schwarzwald-Trainingslager

 

Das Trainingslager im Schwarzwald ist für viele Tuspofahrer längst fester Bestandteil der Saisonplanung. In jedem Frühjahr nehmen die Tusporaner für eine Woche die Waldhof-Herberge in Beschlag und starten von dort   ihre Ausfahrten in herrlicher Landschaft. Einen Eindruck über die unvergsslichen Trainingslager vermittelt das nachfolgende Tagebuch von 2010...

 

 

 

Tag 1:

 

Nach der Ankunft und Zimmervergabe konnten wir gleich zur ersten Tour aufbrechen. Gegen Abend wurde unsere 29-köpfige Delegation schließlich noch durch die Anreise fünf weiterer Tusporaner verstärkt, die zuvor bei nass-kaltem Wetter beim Augsburger Rennen angetreten waren. Max hatte eine Platzierung einfahren können. Für diesen Saisonzeitpunkt nach dem langen Winter eine respektable Leistung!

Der Abend fand nach gemeinsamen Abendessen eine ruhigen Ausklang, denn am Vormittag des nächsten Tages sollte die erste anstrengende Ausfahrt anstehen...

 

Tag 2:

 

Schwer sind die Beine. Stockend ist der Atem. Schweißnass das Tuspo-Trikot, das der Wind gegen die pulsierende Brust presst. Millimeter um Millimeter fahren die 46 Kettenglieder über die silbernen Stahlzähne. Krächzend. Krampfhaft windet sich das Pedal um das Innenlager. Zehnmal. Hundertmal.
So schnell alle Autos auch sind, die auf der Asphaltstraße talwärts rasen, so langsam drehen sich die 16 Reifen der 8 Rennräder, die leidvoll den Berg hinaufkriechen.
Der Schluss-Anstieg der heutigen Tour hinauf zur Herberge hatte es wirklich in sich.
Und auch das Streckenprofil der Ausfahrt war an Anforderung kaum zu überbieten:
6 Stunden Fahrzeit, 130 Kilometer, 2500 Höhenmeter, das sind die Zahlen, die - so
nackt sie auch scheinen mögen - den Radsportlern selten erlebte Qualen bereitet haben.
„Die Tour war wirklich unglaublich anstrengend", bekannte Tim Schäfer.
Im Schatten des Morgens hatte sich der Tuspo-Express auf die Strecke begeben:
Über eine 18-%-Rampe und einen weiteren Anstieg hinweg ging es hinab ins tükische „Hexenloch". Tükisch war diese Abfahrt deshalb, weil ins Hexenloch nur eine schmale Serpentinenstraße führt, die - vom Schmelzwasser eingesalbt - nur so glänzt und sich

wie ein Rehkitz auf der Flucht durch den schattenspendenden Wald schlängelt.
Zum Abschluss stand mit der „Kandel" ein Anstieg auf dem Streckenplan, der neben

10 Kilometer Länge auch eine stolze Durchschnittssteigung von 7 % aufweist.
Fast nahtlos ging das weiße Schneegetürm, das den Gipfel bedeckt, in den wolkenlosen Himmel über. Nicht ohne Grund sprach Nils Schachtebeck von einem „fantastischen Ausblick" und auch die anderen Tuspo-Kiddies waren vor allem davon begeistert,

dass sie ihren „ersten richtigen Pass" bezwungen hatten.
Die Sonnenstrahlen wurden verstärkt durch die strahlenden Augen der Tuspo-Fraktion.
Doch so moderat das Fahrtempo auch war, so sehr setzten die Anstiege den
Oberschenkelmuskeln der Tusporaner zu. Spätestens auf der Fahrt zur "Herberge Waldhof" - die auf einer Höhe von 700 Metern über Normalnull thront - wurde selbst den größten Kletterern die Belastung des Tages offenbar: „Für solch eine lange Distanz habe ich einfach noch nicht genügend Trainingskilometer in den Beinen. Am Anstieg zur Herberge war ich breit und tot zugleich.

Ich habe einfach zu wenig Nahrung zu mir genommen", erklärt Lorenz Fiege.
Ein typischer Hungerast? „Ja.", sagt Lorenz. "So stelle ich mir den zumindest vor", sagt er, bevor er mit einem Lächeln den wahren Grund für seine Erschöpfung preisgibt: 

"Die vielen Sprintduelle, die ich mir zu Beginn der Tour mit Peter geliefert habe, die haben mir schlussendlich das Genick gebrochen."

Nach dem Putzen der Räder begannen jene Athleten der Tuspo-Riege, deren
Kraftreservoire noch immer nicht vollständig erschöpft war, über ihre Rennmaschinen
zu fachsimpeln. Die "Materialdiskussion" war gerade in vollem Gange, als „Chefkoch" Peter Grote das Abendessen servierte. Nicht nur die leckeren Kartoffeln mit Quark, sondern vor allem die Gewissheit, etliche Kalorien verbrannt zu haben, machten das Einschlafen und das nächtliche Träumen zu einem reinen Kinderspiel. Zumindest dann, wenn die Tusporaner in ihren Träumen nicht auf die Strapazen dieses "Tortur-Tages" zurückblickten...

 

Tag 3:

 

Exakt 29 strahlende Gesichter sind am frühen Dienstagmorgen verantwortlich dafür, dass sowohl das triste Grau der Augenringe verschwindet als auch die Anstrengungen des Vortages völlig in Vergessenheit geraten. Nach einem kräftigen Frühstück warten ab 9 Uhr alle Fahrer vor der Herberge auf den Startschuss. Die Carbon-Esel fahrtüchtig, die Erwartungen hoch, schon beginnen die Blau-Weißen Radler, ihre mächtigen Waden kreiseln zu lassen. Es dauert nur wenige Kilometer, bis sich verschiedene Leistungsgruppen herauskristallisieren.

Die Elitegruppe wird angeführt von Marius „the Terminator" Apenberg. Den Anstieg im Simonswald nahm er scheinbar wie eine lächerliche Asphaltblase wahr - was mitunter auch daran gelegen haben mag, dass er am Vortag einen "Ruhigen" eingeschoben hat, um sich von seinem Rennen am Wochenende zu regenerieren. Bei den anderen Fahrern hingegen hatten die Strapazen des Vortages unverkennbare Spuren hinterlassen. Kein Wunder also, dass sich Arnd gezwungen sah, sich an einem Auto festzuhalten und den Berg hochziehen zu lassen. Sein Talent hat er dafür in anderen Bereichen entdeckt. Ein breites Grinsen ziert sein Gesicht, als er erklärt: „Ich bin halt ein Abfahrtspezialist." Prompt untermauert er seinen neuen Spitznamen „Kurvenkönig", indem er die anderen an seiner neu gewonnenen Erkenntnis teilhaben lässt: „Bergab läuft es ja immer irgendwie...!"

 

Zwischen Nachmittag und Abend trudelten alle Gruppen in der Herberge ein.

Trotz der unterschiedlichsten Strecken (mit Umfängen von 2 bis 6 Stunden), auf denen die Tuspo-Jerseys im Laufe des Tages unterwegs gewesen sind, waren alle blauen Trikots zum Abendessen wieder in der Herberge vereint. Eine leckere Linsensuppe "a la creation de Konne Simon" kam wie gerufen, die Kraftreserven der Athleten wieder aufzufüllen.

 

Wohlwissend, dass nicht in der Trainingsphase, sondern vielmehr während der Regeneration die erwünschten Trainingseffekte eintreten, planen die "Blauen" (eine Bezeichnung, die trotz eines langen Champions-League-TV-Abends mit - wohlgemerkt - fast ausschließlich alkoholfreien Getränken nicht missverstanden werden sollte...) für den morgigen Tag eine „ruhige Ausfahrt".

Ob die Tusporaner diesen bescheidenen Plan einhalten werden, das wird zu einem Großteil auch davon abhängen, ob sie ihrem schier unerschöpflichen Drang nach Höchstleistung werden widerstehen können...

 

Tag 4:

 

Es ist gemeinhin bekannt, dass „Fortuna die Glücklichen begünstigt.“ Doch begünstigt das Schicksal nicht nur die Glücklichen, sondern anscheinend auch jene Menschen, die Ambition entwickeln, die Leistung zeigen, die Gemeinschaftsgefühl entwickeln – sprich: Fortuna begünstigt die Tusporaner aus Göttingen.

Oder wie wäre sonst zu erklären, dass der Tuspo-Convoy bislang trotz insgesamt weit mehr als 5.000 getretenen Kilometern kein einziges Sturzopfer zu beklagen hat?

Wie sonst ließe sich erklären, dass das Wetter bislang hervorragend mitgespielt hat?

Die monströse Kraft, die Fortuna, Trainergespann und unser Wettergott (der - so meine Vermutung - als „Schläfer“ in Form von Derek unter uns weilt – denn immerhin verfolgt Derek lobenswerterweise tagtäglich die neuesten Wetterentwicklungen auf seinem Laptop...) in ihrem Zusammenschluss entwickeln, ist ungebrochen und verschreckt offensichtlich sämtliche Regenwolken, die sich nur allzu gern auf die blauen Trikots stürzen würden. „Fortuna“ scheint die Antwort auf alle Fragen zu sein.

Denn wie ist sonst zu erklären, dass die Tusporaner für den einzigen Tag, für den Regen angekündigt worden ist, ohnehin einen Regenerationstag geplant haben?

Insgesamt stand heute also die Erholung im Vordergrund. Direkt nach dem Frühstück absolvierten alle Sportler ein radsportspezifisches Kraft- und Dehnprogramm.

Nur einige wenige (wie beispielsweise Timo, der später als alle anderen angereist war und den „Kandel“ im Detail inspizierte...) wollten das Schicksal herausfordern.

Die wolkenbeseelte Himmelsdecke hielt sie nicht davon ab, ein lockeres Ründchen in der Flachebene zu drehen. Doch Fortuna kennt kein Erbarmen – und so wurde vor allem Timo durch eisige Windböen und rigorose Schneefälle bestraft. Hätte er doch nur auf den Wettergott Derek gehört...

Am restlichen Teil des Tages entdeckten – wie schon Arnd am Vortag – einige

Athleten verborgene Talente in unerwarteten Bereichen - oder aber stellten bereits offensichtliche Begabungen zur Schau:

So ging Konne seiner Leidenschaft nach und werkelte als Mechaniker an allerlei Rädern herum.

Tim versuchte sich als Team-Manager des Quantec-Teams und betreute Marius,

der in eben diesem Team einen Profi-Radfahrer nachahmte.

Lorenz Fiege versuchte sich als Fotograf, indem er eben dieses Spektakel ablichtete.

Und einige Sportler verschlug es – ganz untypisch, fast schon schmerzlich - "per Autotransfer" ins nahe gelegene Frankreich. Dort testete Nils akribisch die französische Küche, indem er sich drei – ach nein, sogar dreieinhalb J – Baguettes hereinpfiff.

Fiete demonstrierte seine Künste als „Übersetzer“ beim Baguette-Bäcker und Georg war Teamleader jener Kochgruppe, die das Tuspo-Team am späten Abend mit Nudeln und einem nicht weniger leckeren Salat verwöhnte.

Für den morgigen Tag steht vor der Heimkehr gen Göttingen noch einmal eine hohe Belastung an.

„Ich will noch einmal richtig ausrasten“, „Morgen am letzten Tag gebe ich es mir richtig“,

„Am Donnerstag werde ich sterben!“, das waren Aussagen, die beim Abendessen aus

Spaghetti-Bolognese kauenden Mündern zu vernehmen waren.

Und auch reichlich niveauvollen Diskussionsstoff gab es in den späten Abendstunden:

Vier jugendliche Gipfelstürmer planen nämlich am morgigen Donnerstag eine Tour der ganz extremen Art – sie wollen 5 Pässe hinaufflitzen. Nicht diese Gegebenheit an sich, sondern vielmehr die Tatsache, dass genau diese 4 Youngstar zum Abendessen Milchreis vorbereiten sollen, das bereitete vor allem Holger Buch Kopfschmerzen – und womöglich gar schlaflose Nächte:

„Und wer deckt den Tisch, falls ihr zu spät da seid?“, fragt er.

Und dann fügt er an - und hat dabei beträchtliche Schwierigkeiten, sein Grinsen zu verbergen:

„Und, vielleicht noch wichtiger: Wer schrubbt danach die verbrannten Töpfe“?

Bleibt abzuwarten, was Fortuna morgen für den jugendlichen Tuspo-Convoy bereithält...

 

Am Regenerationstag: Nicht nur das Wetter macht momentan noch eine gute Figur...

 Tag 5:

 

„Dieser Weg...“ (Ein Erlebnisbericht)

 

150 Kilometer zurückzulegen, das stellt für ambitionierte Radrennsportler kaum ein Problem dar. Während einer Tour 3300 Höhenmeter zu sammeln, auch das mag für Athleten, die einmal vom Ehrgeiz gepackt worden sind, zwar eine Herausforderung sein – zu stemmen ist sie jedoch allemal. Dass ein Radsportler sein Gefährt durch Schneestürme leiten muss, wo bitterkalte Windböen ihn regelrecht auspeitschen, auch das kommt gelegentlich vor.

Und es kann durchaus auch passieren, dass einem Rennradfahrer während seiner Ausfahrt der hintere Schaltzug reißt, sodass er nur noch über „drei verschiede Gänge“ verfügt, was in Radsportlerköpfen fast unweigerlich ein Bild auslöst, in dem ein Möchtegern-Sportler auf seinem klapprigen Hollandrad herumgurkt. Als äußerst ärgerlich würde ich es jedoch bezeichnen, wenn all diese Fauxpas auf einmal auftreten. Umso ärgerlicher, wenn es eine Tuspo-Jugendgruppe trifft.

Der Gipfel der Brisanz wird aber erst dann erreicht, wenn diese Gruppe, ja, genau diese Gruppe, von 26 hungrigen Mägen am frühen Abend in der Herberge erwartet wird, um

- nach Möglichkeit, ohne dabei von Krämpfen geplagt zu werden – am Herd zu stehen und das Abendessen zuzubereiten...

 

Rasch springt Marius am frühen Donnerstag-Morgen aus seinem Bett auf, greift zackig

nach den Vorhängen und schiebt sie ebenso plötzlich zur Seite, wie er wach geworden war.

„Alter“, ruft er. „Tim, Lorenz, Timo: Es hat geschneit.“ Schlaftrunken starre ich auf mein Handy. Das stechende Grell der Ziffern brennt mir förmlich die Pupillen aus den Augen:

7:14 Uhr! Mein Blick schwenkt zu Marius. Noch immer steht er wie angewurzelt dort, sein Blick erstarrt erst in weiter Ferne.

Erneut sagt er: „Jungs, Jungs, es hat heute Nacht wirklich geschneit.“

Der Schlaf, der in meinen Augenwinkeln klebt, und die Skepsis, die mein Gesicht zeichnet, als ich über die Worte von Marius nachdenke, vermengen sich zu eine Wirrwarr der Ungläubigkeit. Innerlich denke ich: „Marius, bist du dir sicher? Wir haben April. Warum sollte es geschneit haben?“ Doch statt ihn an meinen Zweifeln teilhaben zu lassen, schweige ich.

Die Sätze laut auszusprechen, dazu fehlt mir die Kraft. Dazu fehlt mir auch der Schlaf. Und als ich nun also nachdenklich auf mein Handy starre, da dämmert es mir. Urplötzlich habe ich eine Eingebung: Heute war nicht irgendein gewöhnlicher Apriltag. Heute war der 1. April! „Was für ein Glück.“, begreife ich. „Ein typischer Aprilscherz also. Marius, dieser ausgebuffte Fuchs. Dieser Teufelskerl, er hatte mich veräppelt.“ Es gab keinerlei Grund zur Besorgnis...

Unsere Tour, am Vorabend sorgsam geplant, würden wir tatsächlich durchführen können. Fünf Pässe würden wir bezwingen, 150 Kilometer in den Knochen haben, wenn wir gegen Abend wieder in der Herberge stehen würden, um das abendliche Gourmet-Gericht für die Tuspo-Riege auf den Essenstisch zu zaubern. Nachdem ich die Aussage von Marius längst als Aprilscherz abgetan habe, hindert mich nichts mehr daran, sorgenfrei aufzustehen.

Doch meine Besorgnislosigkeit währt nicht lange: Als ich aus dem Fenstern schaue, fegt ein emotionaler Wirbelsturm aus Pessimismus durch meinen Kopf - und zwar nicht ohne Grund: So unbegreiflich das auch zu sein schien – tatsächlich hatte eine weiße Schneedecke den sommerlich blühenden Schwarzwald unter sich begraben. Marius hatte nicht gescherzt. Und paradoxerweise hatte unser Teamgefährte dennoch den größten Aprilscherz aller Zeiten entfacht: Er hatte uns einen vermeintlichen Scherz vorgegaukelt, der sich als die reine Wahrheit entpuppte. Oder hatte er womöglich nicht einmal gewusst, welches Datum wir heute hatten?

 

All´ diese Fragen schienen mir plötzlich völlig belanglos. Denn sicher war nur eines: Unsere geplante Tour würde bedeutend härter werden, als es der Streckenplan vermuten ließ. Es war vor allen Dingen die Schwur des Vorabends, die Tour durchzuziehen, was immer auch kommen möge, welche die Ausdauerathleten davon abhielt, einen Rückzieher zu wagen. So rollten wir nun, durch ein kräftiges Frühstück gestärkt, mit dem berühmt-berüchtigten Tuspo-Bus die Straße nach Elzach herab, um am Fuße des Anstiegs zum „Kandel“ unsere Tour zu beginnen. Unmittelbar vor unseren Augen türmte sich der 1241 Meter hohe Bergkoloss auf. Das Ende der Straße, die gut zehn Kilometern den bewaldeten Berghang hinaufführt war ebenso wenig in Sicht wie eine Besserung der Wetterlage.

Um uns die Zeit bis zum Erreichen der Gipfelkrone zu verkürzen, hantierten wir mit Spitznamen. So wurde unser Abfahrtspezialist Tim zum „Falken“ (eigentlich eher ein besserer Name für Falk, oder?!) und Lorenz griff den Namen „The rain man José Luis Rubiera“ (spanischer Radprofi, der bei Regen seine besten Leistungen erbringt und schon seit einem gefühlten Jahrhundert immer wieder seinen Vertrag verlängert...) ab.

Darüber hinaus stimmten wir eine Vielzahl von Liedern an. Und zwar nicht nur, um vor der beißenden Kälte zu fliehen, sondern vor allem, um uns zumindest für einige Minuten loszulösen von der Gewissheit, dass wir noch immer mehr als sechs Stunden im Sattel sitzen würden. Wenngleich einige unserer Lieder an Niveaulosigkeit kaum zu überbieten waren, ein kurzer Einblick in unsere Gesangskünste soll nicht verwehrt bleiben:

So sangen wir beispielsweise Xavier Naidoos „Danke 2006“ an, ein Lied, das der R&B-Sänger nach dem deutschen Erfolg bei der Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land gesungen hat. Sehr erstaunt waren Tim und Timo (womöglich die potentielle Nachfolgerband von „Ich und Ich“...?!), dass sie vier Jahre nach der Lied-Veröffentlichung noch immer in der Lage waren, den gesamten Songtext herunterzuleiern. Die Tatsache, dass 2006 am deutschen Himmel unbändige Hitze geherrscht hat, konnte uns nur bedingt aufheitern.

Doch nicht nur dieses Lied wurde gesungen – vor allem im Text von Xavier Naidoos Song

„Danke“ entdeckten wir Textpassagen, die uns ermutigen konnten:

„Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer. Heute Abend werdet ihr Helden sein, und diese Nation steht hinter euch und zwar sehr.“

 

Der pfeifende Wind wurde lauter, die Bewaldung schwand rasch dahin, als wir nach einer Stunde die Passhöhe erreichten. Bei zwei Grad über Null sowie zehn Zentimetern Neuschnee schossen wir ein Gipfelfoto und präparierten uns für die bevorstehende Abfahrt. Und eben diese Abfahrt, die verdient den Ausdruck „furchtbar“: Mit 30 Km/h krochen wir durch den Schneematsch, der die Straße bedeckte, unser Atem eine weiße Dunstwolke in der kalten Bergluft. Die eiskalten Winde drangen scheinbar völlig ohne Mühe durch unsere Kleidung an die Haut und lösten nie zuvor erlebte Kälteshocks aus. Plötzlich fühlte ich mich in der Lage, annähernd zu begreifen, was Bergsteiger wie Reinhold Messner meinen, wenn sie von „blauen Lippen, abfrierenden Zehen und schwarz unterlaufenen Fingerkuppen“ sprechen. Einer Sache waren sich Timo und – wie sich im Nachhinein herausstellen sollte – auch Lorenz in diesem Moment sicher:

Wenn nur einer von uns Vieren es ausgesprochen hätte, wären wir sofort umgekehrt, um talwärts zu rasen, uns in den Tuspo-Bus zu setzen und in der Herberge eine heiße Schokolade zu schlürfen.

Doch umzukehren und nach Hause zu fahren, das ging einfach nicht. Die Kraft der Schwur schwebte wie ein riesiges Spinngewebe über unseren fröstelnden Körpern. Selbst unsere nassen Zehen, die unterkühlten Fingerkuppen und die wassergetränkten Beinlinge vermochten die ungeheure Kraft der Schwur nicht zu bändigen. Schließlich überwachte eine kräftige Spinne das Ehrenwort, das wir uns am Vorabend gegeben hatten. Und diese Spinne war kein Langbein – es war eine Vogelspinne. Die Reifen schlitterten und glitschten. Wir froren und schwitzen. Und eben weil wir schwitzten, froren wir noch mehr.

Und als wir auf der halbstündigen Abfahrt etwas Zeit zum Nachdenken hatten, da realisierten wir das Folgende:

Nicht die Anstiege des heutigen Tages würden uns zusetzen, sondern vielmehr die Abfahrten. Es ging weniger darum, die Höhenmeter bergauf zu überstehen. Sondern vielmehr darum, die schier endlos anmutenden Abfahrten zu überleben. Die Anstiege waren ein Segen, waren sie doch verantwortlich dafür, die Blutzirkulation anzutreiben und uns innere Wärme einzuhauchen.

 

Was uns bekümmerte, war die Tatsache, dass unser Tacho am Ende der Abfahrt einen Durchschnitt von lediglich 15 Stundenkilometern anzeigte. Doch der nächste Anstieg wartete bereits und so begannen wir Vier, unsere Pedalen zu malträtieren. Und vor allem deshalb, weil wir die Berge zu schätzen gelernt hatten, flogen wir den Anstieg geradezu hinauf. Für gewöhnlich freuen wir Radsportler uns auf den Augenblick, in dem wir den Gipfel bezwungen haben. Aber nicht hier. Nicht heute. Heute war tatsächlich ein typischer „Veräppel-Tag“, ein typischer 1. April.

Diese Vermutung wurde auch dadurch bestätigt, dass Timo wie aus heiterem Himmel der hintere Schaltzug riss. Nach einer kurzen Diskussionsrunde beschlossen wir, weiterzufahren. Immerhin wurden wir von der Hoffnung getragen, eine Radmechanikerwerkstatt aufzufinden, um das Problem zu beseitigen. Eine Hoffnung, die einen herben Dämpfer erfuhr, der fast genau so trüb war wie das Wetter selbst.

Eben dieses Wetter war auch der Auslöser für eine Wette: Timo wettete darauf, dass dem Tuspo-Quartett auf ihrer gesamten Tour kein weiterer Radfahrer begegnen würde. Doch niemand hielt dagegen! Und zwar völlig zurecht, wie sich am Ende des Tages zeigen sollte. Tatsächlich hatten die 4 Tusporaner keinen einzigen Rennradfahrer getroffen. Allein das verdeutlicht die Bedingungen, bei denen wir uns auf den Weg gemacht hatten.

Nachdem wir den zweiten Anstieg geradezu hinaufgeflogen waren und auch den Feldberg –mit knapp 1500 Metern die höchste Erhebung im Schwarzwald - bezwungen hatten, konnten wir auch endlich wieder ein wenig witzeln. Zumindest fragte Tim mit halb-ernster Miene: „Was soll ich eigentlich morgen beim Bahn-Rad-Training anziehen, wenn heute meine Tuspo-Hose ganz dreckig wird?“ „Tim, wir haben wirklich andere Sorgen“, hätte ich am liebsten geantwortet. Beispielsweise die Abfahrt vom Feldberg, die uns bevorstand.

Der Feldberg selbst war ein Paradies für Wintersportler, voller schaukelnder Gondeln, rasanter Skilifte und noch rasanterer Abfahrtspezialisten. Und inmitten der farbenfrohen Pracht aus internationalen Skiläufern tummelten sich vier (verrückte?!) Athleten, eingebettet in blau-weißen Tuspo-Trikots, die die Abfahrt herabstürzten. Und zwar nicht etwa auf Skiern, sondern auf zwei Reifen!

 

Der folgende Berg „Belchen“ diente als wahre Erlösung. Denn unsere Stimmung schlug schlagartig um: Es wurde wärmer und – man mag es glauben oder auch nicht – unsere Füße schienen endlich wieder etwas trockener zu werden!

Und es passte ins Bild dieses turbulenten Tages, dass wir den Belchen-Pass zirka 100 Höhenmeter zu weit hinauffuhren – bevor wir von Skiliften sowie Schneekanonen überrascht wurden und uns schließlich der Skigondelbetreiber den richtigen Weg wies.

Die Belchen-Abfahrt war die erste des Tages, bei der uns nicht der Leib bibberte. Und so konnten wir den Talblick sowie die rasanten Kurvenfahrten vollends genießen. Dass am Beginn dieser Abfahrt ein Schild darauf hinwies, dass die Abfahrt bereits dutzende Menschenleben gefordert hatte, das erzählten die Abfahrtspezialisten Marius und Tim uns, namentlich Lorenz und Timo, erst hinterher...

Tim, der Falke, konnte nur vom Adler Marius gezähmt werden.

 

Zum Abschluss stand uns noch einmal ein echter Killer-Berg bevor, ein wahrer Zermürber:

Vier Kilometer Anstieg, Spitzkehren mit bis zu 22 % Steigung, eine wahre Steilrampe - und Timo hatte noch immer mit seinem gerissenen Schaltzug zu kämpfen. Befürchtungen, dass wir an dem Anstieg scheitern würden, gab es nicht! Zu viel hatten wir bereits erlebt, als dass uns diese läppische Hürde hätte aufhalten können.

Laut Aussage von Falk – und es gäbe keinen Grund, diese Aussage in Frage zu stellen - absolviert unter anderem Fabian Wegmann zuweilen Trainingseinheiten an eben dieser Monstersteigung, um „Kraft am Berg“ zu trainieren. Nach dem Durchstehen der Auffahrt hatten wir keine Probleme, das zu glauben. Als mir Tim, auf der Kuppe angekommen, ein „Snickers“ zuwarf, verschlang ich diesen Schokoriegel schneller, als ein Blauwal Plankton verschlingen kann. Ja: In vielen Lebenssituation sind es tatsächlich die simplen Dinge, die einem Sportler ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Nicht nur das Snickers. Auch die wärmende Dusche am Abend hatte diese Eigenschaft. Nicht ohne Grund offenbarte mir Lorenz nach dem Abendessen:

„Timo, ich werde gleich noch einmal duschen gehen“

Auch wir hatten heute ohne jeden Zweifel ein Höchstmaß an „Bergkraft“ getankt.

Doch nicht nur das: Auch „Teamgefühl“ und „Durchhaltevermögen“ standen ganz sicher ganz oben auf der Liste der meistgefördertsten Charaktereigenschaften dieses Tages.

 

Und spätestens, als wir auch diesen allerletzten Berg bezwungen hatten, da waren wir uns einer Sache sicher: Wir würden nicht nur die Tour überstehen, sondern zudem auch rechtzeitig zur Zubereitung des Abendessens wieder in der Herberge sein. Dies bedeutete insofern Genugtuung, als dass wir dadurch sämtliche Zweifel an unseren „Koch-Künsten“ beseitigen konnten. Eine 15 Kilometer lange Abfahrt hinab nach Freiburg - die schönste Abfahrt des Tages, weil auch die letzte – erwartete uns. Nachdem wir nun über mehr als sechs Stunden hinweg einen Einblick in den Beruf des Radprofisportlers erhalten hatten, und uns am Abend eine „Kostprobe“ des Berufsfeldes „Koch“ bevorstand, gewannen wir in der Freiburger Innenstadt einen Einblick in den Beruf des Fahrradkuriers: Nicht unser Zeitdruck, sondern vor allem die rüde Fahrweise der Süddeutschen (Ganz gemäß dem Motto: „Ich habe zwar Vorfahrt, aber lasse den anderen fahren“, oder auch: „Ich biege ab und blinke erst dann, wenn der Lenkvorgang abschlossen ist“...) erbrachte uns unberechenbare Momente voller Nervenkitzel. Wozu Achterbahnen? Wozu Russisches Roulette? Fahren Sie einfach mit dem Fahrrad durch Freiburg!

Den Abschluss bildete ein sanfter Sturz, dessen Ursache darin lag, an einer roten Ampel mit den Füßen nicht schnell genug aus den Klickpedalen gekommen zu sein. Die Folge war ein blau-weißes Tuspo-Dress, das - einer Schneeflocke in Zeitlupe gleich – graziös zu Boden sank.

Neben diesem kleinen Fauxpas bestand das letzte Malörchen des Tages darin, dass uns

tatsächlich einer der beiden Töpfe Milchreis angebrannt ist. Aber das konnte uns nach den Geschehnissen des heutigen Tages nur noch ein müdes Lächeln abgewinnen.

Auch deshalb, weil unsere gebratenen Nudeln und der erste, „gelungene“ Topf Milchreis laut „Testesser“ Holger vorzüglich schmeckten...

 

Und plötzlich, als das Abendessen auf den Tischen bereitstand, da erregte etwas völlig Absurdes meine Aufmerksamkeit: Die strahlende Sonne zeigte endlich ihr prächtiges Gesicht! Und wenngleich es den kräftigen Sonnenstrahlen einige Mühe bereitete, durch die noch kräftigeren Gardinen hindurch in unseren Essensraum zu schielen – eine Sache störte mich: Als die Sonne nun so auf uns herabschien, in diesem Moment, da war mir so, als hätte die gelbe Energiekugel ein hämisches Grinsen auf den Lippen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie zynisch in sich hineinlachte, und uns mit gehässiger Stimme etwas entgegenrief:

„April, April!“

 

Tag 6:

 

Ganz gleich, ob nun im Bundestag, in der Lokalpolitik oder auch im Vereinswesen:

Wenn es zu einer Abstimmung kommt, und alle Anwesenden, ja, wirklich alle, befürworten einstimmig einen Antrag, dann muss die Gemeinschaft von dem Vorschlag vollständig überzeugt sein. Und die Tusporaner, sie waren absolut überzeugt von ihrem Trainingscamp: Als Holger Buch nämlich am Abschlussabend des Trainingslagers die Frage nach einer Neuauflage im Jahr 2011 in den Raum warf, schossen alle Finger schnurstracks in die Höhe. Das Meinungsbild von dem Trainingslager war durchweg positiv, der Erfolg offensichtlich.

Und das, obwohl das allerletzte Highlight der tollen Trainingswoche noch immer bevorstand: Ein Bahntraining auf der Holzbahn in Öschelbronn.

Tuspo-Youngstar Michel blickte folgendermaßen auf den letzten Tag zurück:

„Eine halbe Stunde früher als gewöhnlich sind wir aufgestanden, um unsere Sachen zu packen. Nach dem Aufräumen der Herberge und dem Verladen der Räder fuhren wir dann zur Radrennbahn nach Öschelbronn.“

 

Nach einigen Instruktionen des sehr „gechillt“ auftretenden Verantwortlichen – der sich mehr Sorgen um das Material als um unsere Gesundheit zu machen schien – begannen wir mit dem pedallieren. Ein wirklich ungewohntes Gefühl für unsere Beine, sind die Bahnräder doch allesamt mit einer sogenannten „starren Nabe“ ausgestattet, was bedeutet, dass sie keinen Freilauf haben. Ein andauerndes Treten (ohne die Beine hängen zu lassen) ist daher fast noch wichtiger, als die Gesetze zu beachten, die auf der Bahn herrschen. Die "Bahn-Gesetze" bezogen sich vorwiegend auf die Überholvorgänge, beinhalteten aber auch das Verbot des „Spuckens und Schnäuzens“ - ein Gesetz, dessen Einhaltung einigen Fahrern sichtlich Probleme bereitete. Die Gesetze verinnerlicht, mit der Holzbahn vertraut geworden, und schon begannen wir Tusporaner, die geliehenen Räder - die im übrigen nur über einen „Gang“ verfügen - zu beschleunigen.

Youngstar Michel fand das Fahren „einfach nur geil“. Das Funkeln in seinen Augen ist nicht zu übersehen, als er erklärt: „Zuerst hatten alle großen Respekt vor den steilen Kurven, aber unsere Angst verflog vollständig.“ Michel fand es „am krassesten, wenn man in den Kurven am höchsten Punkt der Bahn war“. Das mag auch daran gelegen haben, dass der höchste Punkt der Kurven mehr als 40 % Steigung aufweist. Eine Tatsache, die den Zuschauern von Fernsehübertragungen – wo Profis mit jahrelanger Erfahrung wie Seeadler durch die Kurven gleiten – fast vollständig verborgen bleibt.

 

A propos Profisport: Fast schon Profi-Niveau erreichten Holger, Benjamin, Peter und Derek, die sie sich scheinbar ohne Furch mit weit mehr als 40 Sachen in die Steilkurven lehnten.

Am Vorabend hatte es noch große Pläne gegeben, ein Rennen zwischen „Youngstars“ und „junggebliebenen Oldies“ durchzuführen. Nur zu gut, dass es aus „sicherheitstechnischen“ Gründen doch nicht stattgefunden hat. Das Rennen hätte – und in dieser Sache bin ich mir ziemlich sicher – mit einem Desaster für alle Jungspunde geendet.

Dass der geplante Wettstreit ausgefallen ist, bedeutet aber nicht, dass keiner an sein Limit gegangen wäre. Im Gegenteil: Tim, Marius, Arnd, Benjamin, Derek und einige „Kiddies“ setzten Einiges daran, den Rundenrekord von gut 10 Sekunden zu knacken - leider jedoch ohne Erfolg...

Nachdem wir auch die letze Hürde - das Windschattenfahren - erfolgreich gemeistert hatten, stand uns zum allerletzten Mal im Trainingslager eine Dusche bevor.

Gesättigt durch leckere Maultaschen aus dem Lokal an der Radbahn, begannen wir die Rückreise gen Göttingen. Und wenn wir auf der Rückfahrt nicht schliefen, dann lasen wir, blickten auf die ereignisreiche Woche zurück und schmiedeten Pläne für die kommende Saison. Sogar das Thema „Training auf der Radbahn in Hannover“ wurde eifrig diskutiert.

Und noch bevor ich mir darüber bewusst wurde, dass ein Bahntraining ohne jeden Zweifel eine interessante Alternative zum Straßenradsport darstellt, wurde mir klar, dass manche Radrennfahrer von ihrem geliebten Sport anscheinend wirklich nie genug kriegen können...

Ein Übungsprogramm, das unter anderem darauf auf ist, das Vorurteil zu widerlegen, dass Radfahrer keine Beweglichkeit im Oberkörper hätten...