„Man fragt sich: Warum mache ich das?“ [09.09.2011]

1230 Kilometer – das ist die Distanz zwischen Göttingen und Rom. Das sind, anders ausgedrückt, 3075 Runden auf der Göttinger Radrennbahn. Diese enorme Strecke hat Klaus-Peter Göttmann beim Radmarathon Paris-Brest-Paris hinter sich gebracht. Der 57-Jährige, der im Cappuccino-Team des Tuspo Weende trainiert, benötigte für die anspruchsvolle Strecke mit knapp 10.000 Höhenmetern 70:48 Stunden.


„An den Bergen bin ich oft der Langsamste. Aber ab 600 Kilometern zählt vor allem die Langzeitausdauer und der Wille“, sagt Göttmann, der sein Ziel von 80 Stunden deutlich unterbot. Insgesamt 6000 Fahrer stellten sich an die Startlinie des renommierten Wettkampfes, der bereits seit 1891 ausgetragen wird. Die Leidenschaft für das Spektakel bekam bei seiner ersten Teilnahme auch Göttmann zu spüren: „Selbst nachts um drei oder vier Uhr standen Zuschauer an den Straßen“, schwärmt der Göttinger, und betont, dass es unter den sogenannten Randonneuren „keine Konkurrenten, sondern nur Mitfahrer“ gibt.

Von Beginn an lief es für Göttmann gut, in 25 Stunden spulte er die 450 Kilometer bis zum ersten Schlafsaal ab. „Der war jedoch so voll“, erzählt er, „dass ich nicht zum Schlafen gekommen bin. Die lagen wie Ameisen nebeneinander und haben geschnarcht.“ So habe er nur zwei Stunden ruhen können.

Nicht nur auf den Straßen erlebte der Tuspo-Fahrer, der sechs Kilogramm Werkzeuge und Wechselklamotten bei sich trug, Berg- und Talfahrten. Sondern auch auf emotionaler Ebene: „Irgendwann, nach vielleicht 400 Kilometern, fragt man sich: Warum mache ich das eigentlich?“, erklärt der Extremsportler. „Ab 700 Kilometern denkt man eigentlich gar nichts mehr. Dann tritt einfach nur noch irgendwer in die Pedale.“ Wenn man es schaffe, diesen Punkt zu erreichen, so Göttmann, „dann hat man sein inneres Gleichgewicht gefunden. Und dann ist es egal, ob es regnet oder stürmt, ob 1200 oder 1400 Kilometer zu fahren sind.“
Ob dies der sogenannte „Flow-Zustand“ sei, von dem Ausdauersportler schwärmen? „Ich würde sagen schon“, sagt Göttmann, nachdem er einige Sekunden in sich gegangen ist. Und zugleich sei es die Antwort auf die Sinn-Frage.

In Form gebracht und qualifiziert hat sich der 57-Jährige für Paris-Brest-Paris, das nur alle vier Jahre ausgetragen und als „Olympische Spiele der Randonneure“ bezeichnet wird, durch eine Vielzahl anderer Radmarathons. Etwa viermal wöchentlich trainiert Göttmann, sitzt dabei jeweils zwischen zwei und sechs Stunden im Sattel. Probleme bereitet haben dem passionierten Radsportler weder Oberschenkel, noch Wade, sondern etwas ganz anderes: „Ich hatte unheimliche Schmerzen und ein Taubheitsgefühl in meinen Händen. Das wird mich bestimmt noch ein halbes Jahr beschäftigen“, sagt Göttmann. „Und der Hintern“, beginnt er zu lachen, „der tut eh immer weh“.

Trotz dieser Strapazen kann sich der Langstreckenspezialist ein Leben ohne seinen Sport kaum vorstellen: „Ich will das auf jeden Fall noch ein paar Jahre machen. Das liegt mir einfach“, sagt er – und hat bereits eine Vision: „In Russland gibt es auch einen 1200er. Dort ist die Infrastruktur schlecht, die Straßen nicht so gut. Das wäre mal ein echtes Abenteuer-Erlebnis.“

Von Bergen, Plattfüßen & zerbrochenen Träumen [02.09.2011]

Success is not final, failure is not fatal: it is the courage to continue that counts. Diese Philosophie von Winston Churchill lebt Tuspo-Fahrer Konne in grandioser Manier vor: Gemeinsam mit weiteren Tusporanern startete er beim Alpen-Brevet über 276 Kilometer und 7000 (!) Höhenmeter. Obwohl Kreislaufproblemen kurz vor Ende ihn dazu zwangen, die Segel zu streichen, verdient er Anerkunnung: Zum einen, weil er schon jetzt eine neuerliche Teilnahme plant. Zum anderen, weil er einen tollen Bericht verfasst hat. Wie gesagt: It is the courage to continue that counts!

Im folgenden Bericht erzählt Konne von traumhaften Ausblicken und tollen Anstiegen, aber auch von Raddieben und Übelkeit:


Alles begann mit dem Nichterhalt der heißbegehrten Startplätze beim Ötztaler-Radmarathon. Als langjährige TUSPO-Tradition einmal in Jahr Alpenpässe unter die schmalen Reifen zu nehmen, mussten einfach Alternativen her. Was lag also näher, als einen Blick auf eine noch extremere Route in Europas höchstem Gebirge in zu werfen? Zumal ja auch die Möglichkeit bestand, nicht ganz so wahnwitzige Strecken in Angriff zu nehmen. Man konnte ja noch am Starttag nach Form oder Gusto entscheiden, ob nicht doch „nur“ Silber (138 km, 3875 hm, 3 Pässe) oder Gold (172 km, 5294 hm, 4 Pässe) anstelle der mit 276 km, 7031 hm über 5 Pässe ausgeschriebenen Platin-Strecke reichen würden, um an die eigenen Grenzen zu gehen.

 

Gesagt, getan: Ratzefatz war eine bunte Truppe beisammen, die teils aus den üblichen Verdächtigen bestand, teils aber auch aus Frischlingen. Nichtsahnend, dass mich noch weitere Niederschläge ereilen sollten, ging ich zunächst zu meiner Bank, um Euro in Franken zu tauschen. Das Ergebnis war ernüchternd. Aufgrund des erstarkten Franken gegenüber dem Euro sollte ich richtig „Federn lassen“. Dieser Eindruck sollte auch während der Reise bestand haben. Als familienfreundliches Günstig-Urlaubland ist die Schweiz wahrlich nicht zu empfehlen.

 

Am Freitag sollte die Ausfahrt zwecks Vorbelastung schon einen hinreißenden Eindruck auf das vermitteln, das morgen zur Genüge auf dem Programm stand. Wunderschöne Panoramen der Schweizer Bergwelt nämlich. Es ging auf einer schmalen, für den Autoverkehr gesperrten, Straße rund 1.300 Meter hinauf zur Großen Scheidegg, die sich in sanften Bögen bis zur Passspitze zog. Von dort hatte man einen wunderschönen Blick hinab ins Tal und konnte auch die Eiger-Nordwand bestaunen. Schlagartig wird einem klar, warum die Wand so berüchtigt ist. Sie liegt fast immer im Schatten und man kann selbst im Hochsommer mühelos große Eisplatten erkennen.

Am Abend des Vortages waren alle eifrig damit beschäftigt, sich Radklamotten und die Verpflegung des folgenden Bergabenteuers zurechtzulegen, Startnummer und Transponder zu befestigen und ihre Strategien festzulegen. Ich hatte zwar wirklich mehr als Respekt vor der Strecke, da ich ja nun nicht gerade als Bergziege bekannt bin und war am hadern, ob „Gold“ nicht reichen sollte. Aber ich wollte eine neue Herausforderung wagen. Ankommen war meine Devise. Der Wetterbericht sagte perfekte Bedingungen voraus, ich hatte gut trainiert, also hieß es für mich: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

 

Was allerdings am Samstagmorgen folgen sollte, machte die positive Stimmung mit einem Schlag zunichte. Nichtsahnend verließ ich kurz vor dem Start um 6.45 Uhr das Hotel – als letzter, um mich nicht von der vorherrschenden Nervosität anstecken zu lassen. Ich wurde empfangen wie jemand, der Kinder isst, denn am Vortag wollte ich mir einen Scherz erlauben und das Rad von Jan verstecken. Somit war ich Verdächtiger Nr.1, als Gerd und Tobias, deren Räder im selben Auto verstaut gewesen waren wie meines, ihre Räder suchten und es gar nicht witzig fanden, kurz vor dem Start nach dem geliebten Drahtesel suchen zu müssen. Als ich aber mein Rad plötzlich ohne den abends zuvor angebrachten Transponder an einer Hauswand stehen sah, schwante mir Böses: In der Nacht hatten Diebe sich Zugang zum Auto verschafft und sowohl das Rad von Tobias als auch das Gerd gestohlen. Meines wurde im Gras aufgefunden, ohne Transponder. Offensichtlich war es den Dieben zu groß und aus Frust wurde schnell noch der Transponder in den Straßengraben geworfen. Schon rollenderweise reichte mir jemand noch schnell den Transponder, und so konnte ich tatsächlich sogar mit Zeitnahme teilnehmen, auch wenn ich befürchtete, dass etwas verstellt oder gelockert wurde. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Tobias sich tatsächlich noch im Ort ein Rad leihen konnte und die Platin-Strecke mit Verspätung in Angriff nahm.

 

Los gehts, das Abenteuer sollte beginnen. In Gedanken war ich noch immer bei den gestohlenen Rädern und mir wurde erst jetzt so richtig bewusst, wie viel Glück Derek und ich gehabt hatten, dass unsere Räder verschont wurden. Schon wenige Minuten nach dem Start hatte ich alle bekannten Gesichter aus den Augen verloren. Einige davon sollte ich bis zum Abend auch nicht mehr wiedersehen. Nur Melanie war noch einige Zeit in meiner Nähe, bis die Straße am ersten Pass, dem Grimsel, langsam steiler in den Himmel führte. Eine Weile hatte ich in einem Wallonen, der zum ersten Mal in seinem Leben mehr als 200 km fahren wollte und lediglich 2500 Trainingskilometer in den Beinen hatte, einen netten Begleiter gefunden. Ob er wohl wusste, was ihn da noch erwarten sollte? Nach einer Weile machte ich mich alleine auf den Weg und sollte den Belgier auch nie wieder sehen.

Nach der Hälfte tauchte mein Begleiter (Friedemann und ich hatten uns verabredet zumindest einige Stunden gemeinsam zu fahren) vor mir auf. Ich schloss zu ihm auf und wir hatten wie immer Spaß. Gegenseitig verteilten wir dumme Sprüchen und genossen Landschaftspornos der allerersten Güte. Wer den Blick auch mal von der Pulsuhr auf die Umgebung richtet, wird mit wirklich grandiosen Aussichten belohnt: Überhängende Galerien, Bergseen, Wasserfälle, reißende Gebirgsbäche und eine Sonne, die sich langsam über die Berggipfel schiebt und die Felswände in ein güldenes Licht taucht. Mit diesen Eindrücken ist die Kuppe schneller erreicht als man vorher denkt.

 

Oben angekommen geht es hinab in Richtung Oberwald, um sich die verloren Höhenmeter am Nufenenpass wiederzuholen. Dieser Anstieg ist nicht zu unterschätzen, denn die Straße führt über die gesamte Strecke mit 8-9 Prozent bergauf. Doch auch hier offenbart sich dem Pedalritter ein schönes Panorama, das lediglich durch das Gezeter der Murmeltiere gestört wird. Die sind offenbar entsetzt ob der Massen an Fahrrädern, die ihren Berg bezwingen wollen. Weiter oben sollte ich Tom treffen, um mit ihm gemeinsam die letzten Kilometer in angriff zu nehmen. Oben allerdings wartete ich, während Tom mich fragend ansah und meinte, ich solle hinmachen. Friedemann hatte ich in der ersten Abfahrt vom Grimsel aufgrund eines Platten verloren. Ich hatte ihm zwar einige Hübe Luft gespendet bevor er mich mit den Worten „Fahr! Auf der Abfahrt krieg´ ich dich eh wieder“ weiter gen Tal rauschen ließ. Die Zeit verging und Herr Baum war weit und breit nicht zu entdecken. Ein Blick auf die Uhr ließ mich erschrecken. „Mist, wo bleibt der denn? Lange kann ich nicht mehr warten, sonst schaffe ich den Cut in Airolo nicht, um überhaupt noch auf die Platin-Strecke gelassen zu werden.“ Nach einigem Zögern und 12 Minuten Wartezeit musste ich wirklich los. Die Abfahrt wurde dabei länger und länger. Ich schaute nur auf die Uhr und musste mehr riskieren als ich es normalerweise täte. Wirklich wohl war mir dabei nicht! In Airolo hatten die Rennhelfer an der Labe das Schild mit der Durchfahrtsperre bereits in der Hand, ließen mich aber gerade noch passieren. „Puh, Schwein gehabt“, dachte ich. Zwischenziel war erreicht! Aber vom Friedemann keine Spur...

 

Frisch gestärkt ging es weiter leicht bergab in Richtung Biasca. Und das für eine ganze Weile. Umso mehr regte es mich auf, dass die Riesengruppe, in der ich mich nun wiederfinden sollte, nicht fahren wollte. Jeder schien nur mit möglichst wenig Umdrehungen den Berg runterrollen zu wollen. Es waren in der Ferne zwei vereinzelte Fahrer zu sehen, die uns wegfuhren! „Man kann nie wieder so leicht Zeit gutmachen, wie hier! Es muss doch nur jeder mal kurz die Nase in den Wind stecken“, dachte ich. Außer mir und deinem Iren sah das aber offenbar niemand so. Also einen Schluck aus der frisch gefüllten Flasche und Kopf runter. In kürzester Zeit hatte ich mit meinem irischen Begleiter zu den zwei Fahrern vor uns aufgeschlossen. Auf einmal erspähte ich ein anderes Tuspo-Trikot vor mir. – Rainer und Tom waren gerade dabei, auf den Parkplatz zur nächsten Rast zu fahren, aber ich beschloss weiterzufahren. Die Taschen voller „Astronautennahrung“ (Ich kann das Zeug inzwischen nicht mehr sehen...) und den Flaschen fast voll.

 

Es folgte der erste Durchhänger des Tages. Da heißt es gaaaanz locker weiterfahren, ruhig zu bleiben und sowohl ausreichend Flüssigkeit als auch Nahrung zu sich nehmen. Ist ja nicht neu, dass man nach einigen Stunden im Sattel mal ein kleines Tief erlebt. Nach einer halben Stunde war alles wieder im Lot, aber die Flaschen waren fast leer! Es stand aber noch die moderate, aber sehr lange Steigung des Lukmanier (5-6 % über ca. 35 Kilometer)auf dem Programm. Die Situation wurde zudem durch die Südseitenlage des Anstieges und die damit verbundenen Mittagstemperaturen nicht besser. In einem kleinen Ort entdeckte ich beim Blick in eine Seitenstraße einen Trinkwasserbrunnen, an dem sich zwei Mountainbiker labten. Jackpot! Schnell waren meine besten Freunde für diesem Tag mit frischen Wasser befüllt. Wiedererstarkt hatte ich den Eindruck, den Pass nahezu hochzufliegen. Alles fiel mir auf einmal wieder leicht und so konnte ich Fahrer einholen, die ich seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte – natürlich immer den kontrollierenden Blick auf Pulsuhr und Trittfrequenz gerichtet.

 

Oben angekommen sollten ein paar Wolken, die einzigen des Tages, den schönen Blick ins Tal ergrauen. Ich fuhr kurz die Verpflegung an und begab mich hinab in die Abfahrt. Der nächste Anstieg zum Oberalpass ließ mich zunächst mit Verwirrung zurück: Laut Tachometer sollte sich so langsam eine himmelwärts gerichtete Straße auftun. Sie kam aber nicht! Man fuhr leicht wellig durch kleine Ortschaften, aber „Passatmosphäre“ kam zunächst nicht auf. Ich fuhr weiter mein Wohlfühltempo als auf einmal der nächste Blaue vor mir auftauchte – Derek war in Sicht. Ich wunderte mich zwar ihn eingeholt zu haben, fuhr aber in diesem Tempo weiter, denn was man hat, das hat man, dachte ich mir. Je länger der Weg allerdings wurde, desto steiler wurde er. Der Oberalppass war inzwischen zum richtigen Berg geworden, der oben heraus auch ordentlich steil wurde. Auf einmal hörte ich nur: „Hopp, hopp, hopp! Sauber! Weiter so!“ Es waren Gerd, der uns mit dem Auto entgegenfuhr und am Lukmanier oben schon einmal mit Wasser und guten Worten auf uns wartete und Rainer, der inzwischen wohl auch die Segel gestrichen hatte. „Wasser?“ Mit heftigem Kopfschütteln und überrascht ob der unerwarteten Frage aus dem Nichts verneinte ich. Mit einem „Den Rest packste auch noch“ verabschiedeten sich die Beiden. An der Passhöhe hatte mich Derek wieder eingefangen und wir beschlossen uns zu laben und auch mal eine Brühe zu uns zu nehmen, denn das ganze süße Zeug lässt einen nach Salz lechzen. Ganz nebenbei sagte Derek den folgenschweren Satz: „Man, Du bist echt ein Phänomen – sowohl im Guten wie auch im Negativen!“ Wir beiden ahnten noch nicht wie recht er behalten sollte...

 

Zusammen gingen wir in die recht schnelle Abfahrt und nach einigen Kehren war ich wieder allein. Zu diesem Zeitpunkt schaute ich zum ersten Mal auf die Uhr und begann meine potentiellen Zielzeiten zu überschlagen. Prompt wurde mir klar, dass mein Ziel, es überhaupt vor der Dämmerung zurück nach Meiringen zu schaffen, in einem Ausmaß übertroffen werden sollte, dass ich nicht zu träumen gewagt hatte. „Wie geil, das wird locker was unter 14 Stunden“, dachte ich mir und konnte mein Glück kaum fassen – schließlich lag ja nur noch ein Pässchen namens Susten vor mir. Womöglich hat mich der Gedanken daran so stark gepusht, dass ich auch am unteren Teil des Berges wieder recht zügig an Derek vorbeifahren konnte, den ich zuvor wieder aus den Augen verloren hatte. An der rechten Seite tauchte der Wasserfall auf, der mir vorher als die Markierung für die Hälfte des Anstieges vorhergesagt wurde und alles war bestens. Ich schaute mich immer wieder zur Passspitze auf, denn sie liegt immer sichtbar vor einem und war zugegebenermaßen gedanklich bereits am Ziel meiner Träume.

 

Was dann folgte, sollte mich noch für einige Zeit ziemlich demoralisieren. Es begann mit leichtem Bauchgrummeln, die sich im Laufe der folgenden Kilometer zu veritablen Magenkrämpfen auswuchsen. Auch meine Geschwindigkeit nahm zunehmend ab und das Gefühl der letzten Stunde, alles in Sack und Tüten zu haben, schwand radikal dahin und wich letztlich der Qual und Schinderei. Jetzt begann sich der Kopf zu melden. Immer wieder trieb ich mich dazu an, weiterzumachen und die Kurbel ein weiteres Mal rumzutreten. Die Geschwindigkeit nahm deutlich ab, aber ich wollte es unbedingt auf die Passhöhe schaffen. Allerdings war mir durchaus bewusst, essen und trinken zu müssen. Schließlich war seit der letzten Zufuhr bereits einige Zeit vergangen und einen Hungerast wollte ich auf der Abfahrt keinesfalls riskieren. Mit dieser Erkenntnis versuchte ich, wenigstens einen Schluck Wasser zu trinken – dieser war aber der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen sollte. Mir wurde so übel, dass ich beschloss, abzusteigen. In diesem Moment sackte mein Kreislauf vollkommen zusammen! Mir wurde plötzlich ganz schummerig und ich begann zu frieren. Zu diesem Zeitpunkt fuhr Derek wieder zu mir auf und fragte, ob er was tun könne. Ich verneinte, gab ihm noch etwas Wasser von mir und den Streckenplan für seine letzten Kilometer.

 

Völlig demoralisiert (nachdem ich mich schon am Ziel meiner Träume wähnte) und frierend war kein klarer Gedanke mehr zu fassen. In dieser Situation gab es für mich nur schwarz oder weiß. Ich musste ganz schnell runter von diesem Sch...berg!

Das Ende meines Tages ist schnell erzählt: ich kniete mich auf die Straße, nachdem niemand Willens schien einen erschöpften Radler mitzunehmen. Letztendlich erbarmte sich ein hessisches Ehepaar, wobei die Frau wohl Mitleid hatte und ihren Mann nahezu überreden musste mich mitzunehmen. Zurück in Meiringen zog ich mich zunächst eine Weile in mein Zimmer zurück und musste das Fiasko erst einmal etwas verdauen – wohlwissend, mich den Rest des Abends mit zufriedenen und überglücklichen Gesichtern zu verbringen.

 

Während Wolf, der lange Menkens, Derek, Tom, Melanie, Rainer und Gerd schon im Ziel warteten und lebhaft ihre Erlebnisse austauschten, schickte sich die Sonne an, ihr Tagwerk zu beenden. Tobi und Friedemann waren noch unterwegs! Vor Sorge versuchten wir sie zu erreichen, aber ans Handy wollte niemand gehen. Ich beschloss, zusammen mit Gerd auf die Suche zu gehen, denn wenn die Beiden noch auf die lange Strecke gegangen sein sollten, würde sie niemand vermissen. Direkt nach mir war ja in Airolo der Kontrollschluss und die Schweizer haben überall entlang der Strecke pünktlich die Zelte abgebrochen. Allerdings sollten sie uns schon nach einigen Kilometer in der Dunkelheit entgegenkommen. Alles gut also.

 

Im Ziel herrschte natürlich ausgelassene Freude über das Erreichen des Ziels. Nur ich war etwas stiller als sonst. Wir waren uns aber alle einig, den schönsten, aber auch heftigsten Tag auf dem Rad hinter uns zu haben und so etwas so schnell nicht wieder zu brauchen.

Nach der Dusche beim Essen sitzend wurden allerdings schon wieder die Pläne für das kommende Jahr geschmiedet Teilweise hieß es, man würde, nachdem Platin abgehakt sei, nur noch Gold in Angriff nehmen. Dann können man das Ganze etwas lockerer angehen lassen. Nun ja, eines ist klar, auch ich werde wiederkommen, allerdings habe ich mit mir und dem Sustenpass noch eine Rechnung offen – und den gibt es eben nun mal nur auf der Platinstrecke...

 

Von Konne

Tuspo gibt beim Rhön-Radmarathon Vollgas [14.06.2011]

Das Ziel: den Zielstrich in Bimbach zu erreichen!

Um 3:40 Uhr aufstehen. Um Punkt 4:00 Uhr auf der Autobahn gen Fulda. Um 5:25 Uhr auf dem Parkplatz am Startort, Bimbach. Und um 5:58 Uhr endlich mit den Startunterlagen in der Trikottasche im Startblock - allerdings am falschen Ende, wie wir zum Startschuss bemerken mussten. Mehr als 4000 angemeldete Teilnehmer, von denen etwa 2000 die Marathonstrecken von 201 oder 238 Kilometern in Angriff nehmen wollten und daher auch morgens schon im Startblock standen. Natürlich brauchte der Fahrertross ein paar Minuten, um sich durch das Wohngebiet auf die Straße zu schleusen. Und wir wollten doch so gerne nach vorne...

 

Mit Hans-Peter und Andreas machten wir uns auf die Verfolgung, nach wenigen Kilometern sammelten wir noch Derek und Holger ein. Im Zug mit 5 Leuten ging es fast im Renntempo und deutlich überschwellig voran. Nach genau 40 Minuten fuhr ich dann vor einer Linkskurve an einem kleinen Anstieg das letzte Loch an eine Gruppe von zirka 50-80 Fahrern zu. Das war sie also, die sogenannte Spitzengruppe. Wir waren endlich angekommen – aber ohne die Tretmaschine Hans-Peter hätten wir das bis dahin mit Sicherheit nie geschafft...

 

Unglücklicherweise erwartete uns prompt der erste richtige Anstieg von 250 Höhenmetern bei Steigungen bis zu 13%. Die Gruppe zerfiel sofort – und mir war es dann auch zu viel. Schließlich drohten doch noch 8 Stunden Fahrtdauer. Hans-Peter kämpfte sich ein paar Meter vor mir an eine Gruppe mit Jan heran, ab da fuhren wir dann alle bis zur zweiten großen Verpflegung bei Kaltensudheim (Kilometer 140) alleine. Dort trafen sich dann aber alle Fahrer der Strecken 201 und 238km (die hatten bis dahin ihre 37 Kilometer Extraschleifen und Höhenmeter abgearbeitet) zum Nudelessen wieder. Jan saß am Tisch mit Melanie, Gerd und Rainer, der deutlich von einer Party am Vorabend gezeichnet war und daher die 201 Kilometer in Angriff nahm. Er hatte aber mehr mit den Nudeln zu kämpfen :-)

 

Die letzten 100 Kilometer fuhr ich dann mit Jan und einem Fahrer aus Emden vom Team RG Sprinter – herzliche Grüße auf diesem Wege – als Friesenteam über die gefühlt mehr als einhundert kleinen Hügel und Wellen, die einem wirklich den letzten Nerv rauben können. Nach knapp über 8 Stunden Fahrzeit kamen wir wieder in Bimbach an. So angeschlagen war ich, dass es mir kaum gelang, die Pommes im Ziel richtig zu essen.

 

 

Mein Fazit:

Die Streckenführung und die Aussicht auf der Rhön und unterwegs ist so unglaublich schön, dass es ein Frevel ist, diese schöne Tour so abzuarbeiten. Die Versorgung an der Strecke ist vorbildlich. Belegte Brote nach 60 Kilometern, Suppe und Würstchen nach 90, Nudeln und großes Kuchenbüffet nach 140, und alle 30 Kilometer danach Getränke vom Hauptsponsor. Unmengen an Mengen an Bananen, Riegeln, Gels - die die Startgebühr in Höhe von 23 Euro in jedem Falle rechtfertigen. Am Ziel befindet sich jedes Jahr ein Festzelt, auch hier gibt es hektoliterweise Erdinger alkoholfrei, Kuchen, Gegrilltes, und vieles mehr – wenngleich hier nur gegen Bares. Die Zielatmosphäre ähnelt sehr der der Tour d´Energie. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass wir in Göttingen stets das bessere Wetter haben – und schon 6 Stunden früher im Ziel sind...!"

 

Von Wolf

 

Finisher des Ötztaler Radmarathons 2009